Sukzessivismus

Sukzessivismus bezeichnet ein psychologisch-philosophisches Ordnungs- und Gestaltungsprinzip, das die Abfolge adäquatadaptiver, kontinuierlicher Schritte, Prozesse und Ereignisse in einer logisch-zeitlichen Reihenfolge ins Zentrum stellt.

In der vom Wiener Neuropsychologen und Verhaltenstherapeuten
Dr. Karl Kriechbaum
entwickelten Konzeption ist diese psychologische Philosophie eingebettet in sein Modell der SR-Intelligenz, innerhalb dessen Sukzessivismus als grundlegendes Funktionsprinzip menschlicher Wahrnehmungs-, Denk-, Entscheidungs- und Handlungsprozesse verstanden wird. Sukzessivismus wird als ein entscheidendes System eingesetzt, um bedeutende psychologische, philosophische und lebenspraktische Dimensionen zu integrieren.

Im Kern beschreibt Sukzessivismus die Einsicht, dass menschliches Erkennen, Denken und Handeln nicht simultan, sondern notwendig sukzessiv verläuft. Wahrnehmen, Analysieren, Reflektieren, Bewerten, Schlussfolgern, das Eruieren von Potenzialen und Möglichkeiten, die Zielsetzung, die Entwicklung von Strategien, die Festlegung von Maßnahmen sowie deren Umsetzung folgen einander in einer logischen und zeitlichen Ordnung. Werden diese Schritte gleichzeitig vollzogen, in einer unlogischen Reihenfolge gesetzt, werden Schritte ausgelassen oder zu große Schritte beabsichtigt, führt das häufig zu Überforderung, Entscheidungsblockaden, ineffizienten Handlungen, Fehlern und Fehlentwicklungen. Sukzessivismus setzt dem das Prinzip der geordneten Nacheinander-Bearbeitung entgegen.

Philosophisch knüpft Sukzessivismus an klassische Konzepte der Zeitlichkeit und Kausalität an. Bereits Aristoteles verstand Zeit als Maß der Bewegung in Bezug auf ein Früher und Später. In diesem Sinne ist Sukzessivismus eng mit dem klassischen Kausalitätsprinzip verbunden: Jede Wirkung folgt auf eine Ursache, und jedes Ereignis ist in eine Abfolge eingebettet. Auch Immanuel Kants Auffassung, dass das menschliche Bewusstsein Erscheinungen nur in zeitlicher Sukzession ordnen kann, liefert eine erkenntnistheoretische Grundlage. Sukzessivismus widerspricht damit implizit metaphysischen oder alltagspsychologischen Annahmen einer 'gleichzeitigen Totalerfassung' komplexer Sachverhalte.

Psychologisch findet Sukzessivismus starke Entsprechungen in der kognitiven Psychologie, der Neuropsychologie und der Verhaltenstherapie. Neurowissenschaftlich ist gut belegt, dass Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und bewusste Entscheidungsprozesse stark begrenzte Kapazitäten besitzen. Multitasking erweist sich dabei überwiegend als schneller Wechsel zwischen Aufgaben – mit messbaren Einbußen an Genauigkeit, Tiefe und emotionaler Regulation. Sukzessivismus nimmt diese empirischen Befunde ernst und erhebt sie zum strukturierenden Prinzip menschlicher Selbststeuerung.

Im Rahmen der Verhaltenstherapie zeigt sich Sukzessivismus besonders in Konzepten wie Schritt-für-Schritt-Exposition, Graduierung von Verhaltensänderungen, Micro-Goals oder Shaping, der Verhaltensformung durch operante Konditionierung. Veränderungen werden nicht abrupt oder maximal, sondern in relativ kleinen, adäquaten, aufeinander aufbauenden Schritten vollzogen. Dies reduziert Angst, Widerstand und Überforderung und erhöht die Wahrscheinlichkeit nachhaltiger Verhaltensänderung.

Der Sukzessivismus systematisiert diese Ansätze philosophisch und erweitert sie über den therapeutischen Kontext hinaus auf Lebensgestaltung, Entscheidungsfindung und persönliche Entwicklung.

Für die individuelle Lebensgestaltung bedeutet Sukzessivismus vor allem eine bewusste Konzentration auf den jeweils aktuellen Schritt, bevor der nächste erfolgt. Dadurch wird die psychische Belastung reduziert, die durch gleichzeitige Anforderungen, Optionen und Erwartungen entsteht. Anstatt ein fernes Gesamtziel permanent emotional und kognitiv präsent zu halten, richtet sich die Aufmerksamkeit auf das konkret Machbare im Hier und Jetzt. Fortschritt entsteht nicht durch spektakuläre Umbrüche, sondern durch kontinuierliche, oft kaum sichtbare Schritte.

Ein weiterer zentraler Vorteil liegt in der Akzeptanz von Veränderungsprozessen. Erforderfliche Anpassungen, die in adäquatadaptiven Schritten erfolgen, werden subjektiv als weniger bedrohlich und weniger schmerzhaft erlebt – sowohl für die betroffene Person selbst als auch für ihr soziales Umfeld. Sukzessivismus fördert damit nicht nur Effizienz und Realisierbarkeit, sondern auch emotionale Verträglichkeit und soziale Anschlussfähigkeit von Veränderungsvorhaben.

Als Modell besitzt Sukzessivismus mehrere Stärken: Er ist realitätsnah, empirisch gut anschlussfähig, lebenspraktisch umsetzbar und theoretisch integrierbar. Er vermeidet sowohl naiven Aktivismus als auch lähmenden Perfektionismus. Gleichzeitig schützt er vor der Illusion, komplexe Probleme ließen sich durch simultanes Denken oder radikale Einzelschritte lösen. Stattdessen bietet er ein robustes Orientierungsmodell für langfristige Entwicklung unter realen Bedingungen.

Anwendungsmöglichkeiten finden sich in zahlreichen Bereichen: in Psychotherapie und Coaching, in Pädagogik und Lernpsychologie, in Organisationsentwicklung und Projektmanagement, in Gesundheitsverhalten, Rehabilitation und Prävention sowie in individueller Lebensplanung und Sinnsuche. Überall dort, wo Menschen mit Komplexität, Unsicherheit und Veränderung konfrontiert sind, bietet Sukzessivismus ein strukturierendes Gegenmodell zur Überforderung durch Gleichzeitigkeit.

Als eigenständige Richtung steht Sukzessivismus in geistiger Nähe zu Denkern und Strömungen wie Aristoteles’ Teleologie, Kants Erkenntnistheorie, pragmatischen Philosophien, prozessphilosophischen Ansätzen (z. B. Alfred North Whitehead) sowie modernen verhaltenstherapeutischen und neuropsychologischen Konzepten. Zugleich unterscheidet er sich von diesen durch seine explizite Betonung der praktischen Sukzession als zentrales Lebens- und Intelligenzprinzip im Rahmen der SR-Intelligenz.

Für die Ausgestaltung bedeutet Sukzessivismus:
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Kontinuierliche adäquatadaptive Schritte hin zum großen Ziel
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Konzentration auf den aktuellen Schritt, bevor der nächste erfolgt
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Reduktion von Überforderung durch Simultanität oder Multitasking
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Erleichterte Realisierung durch regelmäßige kleine Fortschritte
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Höhere Motivation durch stetige Erfolgserlebnisse
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Für Betroffene weniger sichtbare und spürbare Anpassungen an
  notwendige Veränderungen

Sukzessivismus fördert somit Kontinuität, Zielgerichtetheit, Effizienz, Realisierbarkeit und Akzeptanz von Prozessen in Alltag und Veränderungsvorhaben.

Insgesamt lässt sich Sukzessivismus als ein psychologisch-philosophisches System verstehen, das den Menschen nicht als simultan allwissendes oder allkönnendes Wesen begreift, sondern als zeitlich handelndes, schrittweise lernendes und sich entwickelndes Subjekt. Gerade darin liegt seine besondere Stärke: Er nimmt die menschliche Begrenztheit ernst – und macht sie zur Grundlage von Gelingen.