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Sukzessivismus
bezeichnet ein
psychologisch-philosophisches Ordnungs- und
Gestaltungsprinzip, das die Abfolge
adäquatadaptiver,
kontinuierlicher
Schritte, Prozesse und Ereignisse in einer logisch-zeitlichen Reihenfolge
ins Zentrum stellt.
In der vom Wiener Neuropsychologen und
Verhaltenstherapeuten
Im Kern beschreibt Sukzessivismus die Einsicht,
dass menschliches Erkennen, Denken und Handeln nicht simultan, sondern
notwendig sukzessiv
verläuft. Wahrnehmen, Analysieren, Reflektieren, Bewerten, Schlussfolgern,
das Eruieren von Potenzialen und Möglichkeiten, die Zielsetzung, die
Entwicklung von Strategien, die Festlegung von Maßnahmen sowie deren
Umsetzung folgen einander in einer logischen und zeitlichen Ordnung.
Werden diese Schritte gleichzeitig vollzogen, in einer unlogischen Reihenfolge
gesetzt, werden Schritte ausgelassen oder zu große Schritte beabsichtigt,
führt das häufig zu Überforderung, Entscheidungsblockaden, ineffizienten
Handlungen, Fehlern und Fehlentwicklungen. Sukzessivismus setzt dem das
Prinzip der geordneten
Nacheinander-Bearbeitung entgegen.
Philosophisch knüpft Sukzessivismus an
klassische Konzepte der Zeitlichkeit
und
Kausalität an. Bereits Aristoteles
verstand Zeit als Maß der Bewegung in Bezug auf ein Früher und Später. In
diesem Sinne ist Sukzessivismus eng mit dem klassischen Kausalitätsprinzip
verbunden: Jede Wirkung folgt auf eine Ursache, und jedes Ereignis ist in
eine Abfolge eingebettet. Auch Immanuel Kants Auffassung, dass das
menschliche Bewusstsein Erscheinungen nur in zeitlicher Sukzession ordnen
kann, liefert eine erkenntnistheoretische Grundlage. Sukzessivismus
widerspricht damit implizit metaphysischen oder alltagspsychologischen
Annahmen einer
'gleichzeitigen
Totalerfassung'
komplexer Sachverhalte.
Psychologisch findet Sukzessivismus starke
Entsprechungen in der kognitiven Psychologie, der Neuropsychologie und der
Verhaltenstherapie.
Neurowissenschaftlich ist gut belegt,
dass Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und bewusste Entscheidungsprozesse
stark begrenzte Kapazitäten besitzen. Multitasking erweist sich dabei
überwiegend als schneller Wechsel zwischen Aufgaben – mit messbaren
Einbußen an Genauigkeit, Tiefe und emotionaler Regulation. Sukzessivismus
nimmt diese empirischen Befunde ernst und erhebt sie zum strukturierenden
Prinzip menschlicher Selbststeuerung.
Im Rahmen der
Verhaltenstherapie
zeigt sich Sukzessivismus besonders in Konzepten wie
Schritt-für-Schritt-Exposition, Graduierung von Verhaltensänderungen,
Micro-Goals oder Shaping, der
Verhaltensformung durch operante
Konditionierung.
Veränderungen werden nicht abrupt oder maximal, sondern in relativ
kleinen, adäquaten, aufeinander aufbauenden Schritten vollzogen. Dies
reduziert Angst, Widerstand und Überforderung und erhöht die
Wahrscheinlichkeit nachhaltiger Verhaltensänderung.
Der
Sukzessivismus systematisiert diese Ansätze philosophisch und erweitert
sie über den therapeutischen Kontext hinaus auf Lebensgestaltung,
Entscheidungsfindung und persönliche Entwicklung.
Für die individuelle Lebensgestaltung bedeutet
Sukzessivismus vor allem eine bewusste
Konzentration auf den jeweils aktuellen Schritt,
bevor der nächste erfolgt. Dadurch wird die
psychische Belastung reduziert,
die durch gleichzeitige Anforderungen, Optionen und Erwartungen entsteht.
Anstatt ein fernes Gesamtziel permanent emotional und kognitiv präsent zu
halten, richtet sich die Aufmerksamkeit auf das konkret Machbare im Hier
und Jetzt. Fortschritt entsteht nicht durch spektakuläre Umbrüche, sondern
durch kontinuierliche, oft kaum sichtbare Schritte.
Ein weiterer zentraler Vorteil liegt in der
Akzeptanz von Veränderungsprozessen.
Erforderfliche Anpassungen, die in adäquatadaptiven Schritten erfolgen, werden subjektiv als weniger bedrohlich und weniger schmerzhaft
erlebt – sowohl für die betroffene Person selbst als auch für ihr soziales
Umfeld. Sukzessivismus fördert damit nicht nur Effizienz und
Realisierbarkeit, sondern auch emotionale Verträglichkeit und soziale
Anschlussfähigkeit von Veränderungsvorhaben.
Als Modell besitzt Sukzessivismus mehrere
Stärken:
Er ist realitätsnah, empirisch gut anschlussfähig, lebenspraktisch
umsetzbar und theoretisch integrierbar. Er vermeidet sowohl naiven
Aktivismus als auch lähmenden Perfektionismus. Gleichzeitig schützt er vor
der Illusion, komplexe Probleme ließen sich durch simultanes Denken oder
radikale Einzelschritte lösen. Stattdessen bietet er ein robustes
Orientierungsmodell für langfristige Entwicklung unter realen Bedingungen.
Anwendungsmöglichkeiten finden sich in zahlreichen Bereichen: in
Psychotherapie und Coaching, in Pädagogik und Lernpsychologie, in
Organisationsentwicklung und Projektmanagement, in Gesundheitsverhalten,
Rehabilitation und Prävention sowie in individueller Lebensplanung und
Sinnsuche. Überall dort, wo Menschen mit Komplexität, Unsicherheit und
Veränderung konfrontiert sind, bietet Sukzessivismus ein strukturierendes
Gegenmodell zur Überforderung durch Gleichzeitigkeit.
Als eigenständige Richtung steht Sukzessivismus
in geistiger Nähe zu Denkern und Strömungen wie Aristoteles’ Teleologie,
Kants Erkenntnistheorie, pragmatischen Philosophien,
prozessphilosophischen Ansätzen (z. B. Alfred North Whitehead) sowie
modernen verhaltenstherapeutischen und neuropsychologischen Konzepten.
Zugleich unterscheidet er sich von diesen durch seine explizite Betonung
der praktischen Sukzession als zentrales
Lebens- und Intelligenzprinzip im Rahmen
der SR-Intelligenz.
Für die
Ausgestaltung bedeutet Sukzessivismus:
Sukzessivismus fördert somit
Kontinuität,
Zielgerichtetheit,
Effizienz, Realisierbarkeit
und Akzeptanz
von Prozessen in Alltag und Veränderungsvorhaben.
Insgesamt lässt
sich Sukzessivismus als ein psychologisch-philosophisches System
verstehen, das den Menschen nicht als simultan allwissendes oder
allkönnendes Wesen begreift, sondern als zeitlich handelndes, schrittweise
lernendes und sich entwickelndes Subjekt. Gerade darin liegt seine
besondere Stärke: Er nimmt die menschliche Begrenztheit ernst – und macht
sie zur Grundlage von Gelingen.
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